Was wäre Lüdersen ohne Bennigsen?
Bennigsen der eigentliche Hauptort für Lüdersen? Im einmal mehr bis zum letzten Platz gefüllten Saal des Gasthofs Alexandros stand diese Frage im Raum, als am 15. Januar 2016 Hans-Rainer Kloppenburg unser Nachbardorf Bennigsen in alten und neuen Bildern vorstellte. Diesmal hieß es beim Förderverein Bergdorf Lüdersen also: Willkommen in Bennigsen!
Vom Bahnhof zum Gut, zur Schule, zur Windmühle und schließlich zum Süllberg führte ein Rundgang von Haus zu Haus. Zunächst zeigte der Referent Fotos, meist aus den1950er Jahren, teils auch älter, oft sogar Luftbilder, die ihm überwiegend Familie Isleif überlassen hatte. Sodann stellte er geschickt von ihm aufgenommene aktuelle Fotos vom selben Standort daneben und verglich die Bilder kenntnisreich miteinander.
Immer wieder kommentierten Zuhörer aus Bennigsen und aus Lüdersen die Fotos mit kurzen Anekdoten aus der eigenen Erinnerung, manchmal auch mit dem Bedauern, dass einst die Anblicke ansehnlicher waren. Bahnhof, Schule, Arzt, Apotheke, viele Gewerbe und Läden: dies alles bot und bietet Bennigsen. Hans-Rainer Kloppenburg verstand dies ebenso behutsam wie humorvoll zu erläutern.
Vielleicht mag ja Lüdersen schöner sein, wichtiger aber ist Bennigsen ‑ eben der Hauptort für Lüdersen.
Förderverein Bergdorf Lüdersen e.V.
Impressionen vom Adventsmarkt in Lüdersen am 28. November 2015.
Etwa 70 Besucher kamen zum Tag des offen Denkmals in der St. Marienkirche in Lüdersen am Sonntag, 13. September 2015
Bei diesem ganz besonderen Literatur- und Gesprächsabend des „Fördervereins Bergdorf Lüdersen“ im Restaurant Alexandros am 19.06.2015 überwogen die Gäste aus Bennigsen, denn Herr Pastor i.R. Klaus Seiler las aus seinen Erinnerungen an die Nachkriegskindheit in den Bennigser „Finnenhäusern“ südlich von Lüdersen.
Einführend erklärte der Vereinsvorsitzende Prof. Carl-Hans Hauptmeyer die Situation nach Kriegsende, als allein 750.000 Schlesier als Flüchtlinge oder Heimatvertriebene nach Niedersachsen kamen. Eine solche Flucht musste auch Familie Seiler mit ihren beiden kleinen Kindern erleben. Der Treck startete im Januar 1945 von der Warthe Richtung Berlin. Über Uelzen landete die Familie - verdreckt und verlaust - schließlich in Bennigsen. Dort wurden die Schlesischen Flüchtlingsfamilien in großen Holzbaracken untergebracht, den „Finnenhäusern“. Hier hatten bis Kriegsende Zwangsarbeiter gewohnt, wie sie massenhaft und meist unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie eingesetzt worden waren.
Klaus Seiler war bei der Ankunft in Bennigsen gerade sechs Jahre alt und verbrachte die Jahre von 1947 bis 1951 in Baracke vier. Er fesselte die gut 100 Zuhörer mit seinen Kindheitserinnerungen, die er aus seinem Buch „Barackenkind“ vorlas. Zu der Zeit drehte sich das ganze Leben darum, Essen zu bekommen. Man hielt z.B. Hühner für die Eier- und Fleischversorgung. Sie kamen Abend für Abend in die Baracke, suchten den Schutz der Familie und übernachteten auf Stangen, die eigentlich für Kleider gedacht waren.
Pastor Seiler mit Carl-Hans Hauptmeyer und dem zahlreichen Publikum
Etwas ganz Besonderes war das erste Schwein, das den Namen Jolante bekam. Dieses Schwein war beim Bauern Rodewald erworben worden und hatte in seinem eilig errichteten engen Koben immerhin ein Fenster in Augenhöhe! Als das Schwein geschlachtet wurde und man sich erstmals seit Jahren satt essen konnte, kamen die Koliken in Wellen - nach dem Wellfleisch.
Im Sommer, nach der Ernte, wurde auf den Kartoffelfeldern gestoppelt. In einem Fall war die Freude groß, zwei ganze Säcke Kartoffeln gefunden zu haben. Aber, oh Schreck, auf dem Weg nach Hause wurde der Familie dieses kostbare Gut vom Bauern wieder abgenommen. Nahrungskonkurrenten um jedes Getreidekorn waren die Spatzen. Für Spatzenköpfe gab es 5 Pfennige: das Problem nur, dass dazu der Kopf abzuhacken war.
Pastor Seiler berichtete viel von Sorgen und Nöten, so von seiner Angst im Dunkeln, wenn der strenge Vater sich nicht erweichen ließ, die Tür zum Schlafraum auch nur einen Spalt offen stehen zu lassen. Es gab ein Loch im Dach und Schornstein, durch das Mäuse auf die Betten der Kinder fielen.
Hier können diese vielen Erlebnisse nur angerissen werden. Das Erstaunlichste war, dass die ergreifenden, humorvoll geschriebenen Geschichten allesamt aus der Sicht des Kindes geschrieben worden waren, ohne jeglichen Groll, ohne Verbitterung.
Dieser Abend war auch ein Abend des Wiedersehens, ein Abend zu dem viele ehemalige Barackenkinder gekommen waren, um den Freund von damals wieder zu sehen, der 40 Jahre in Stade als Pastor tätig war und nun im Ruhestand ist. Flüchtlingskinder wechseln nicht mehr gern ihre Wohnorte, wenn sie sesshaft geworden sind, Flüchtlingskinder sind froh wenn sie eine neue Heimat gefunden haben.
Ute Austermann-Haun
Förderverein Bergdorf Lüdersen e.V.